968 bis 1010: ein Zentrum früher Staatlichkeit
Hoa Lu war von 968 bis 1010 Hauptstadt von Dai Co Viet. Der Ort in Ninh Binh verbindet sich mit Dinh Bo Linh, der als Dinh Tien Hoang den Kaisertitel annahm, und mit Le Hoan, dem späteren Le Dai Hanh. Auf die Dinh folgten die Frühen Le; zu Beginn der Ly-Zeit blieb der Hof zunächst ebenfalls hier. Die kurze Dauer als Hauptstadt täuscht deshalb über die historische Bedeutung hinweg: In Hoa Lu wurde Herrschaft organisiert, befestigt und repräsentiert.
1010 verlegte Ly Thai To den Regierungssitz nach Dai La, das den Namen Thang Long erhielt und zum heutigen Hanoi gehört. Hoa Lu verlor seine Hauptstadtfunktion, blieb aber ein Ort des Gedenkens. Spätere Dynastien ergänzten Tempel, Gräber und andere religiöse Bauten. Der Platz verschwand somit nicht aus der Geschichte, sondern seine wichtigste Funktion wandelte sich.
Die Denkmalverwaltung weist ausdrücklich darauf hin, dass die alten Paläste nicht erhalten sind. Die heute prägenden Königstempel tragen vor allem den Architekturstil des 17. Jahrhunderts. Wer Hoa Lu betrachtet, sieht daher keine vollständig bewahrte Residenz des 10. Jahrhunderts. Sichtbare Gedenkbauten und archäologisch erschlossene Hauptstadtspuren erzählen verschiedene, miteinander verbundene Phasen desselben Ortes.
Wie die Karstberge den befestigten Raum gliederten
Die ehemalige Hauptstadt lag in einem Gelände, das durch bogenförmig angeordnete Kalkberge gegliedert wird. Die regionale Denkmalbeschreibung unterscheidet innere, äußere und südliche Bereiche. Der Raum der heutigen Dinh- und Le-Tempel gehörte zum zentralen Palastgebiet. Berge waren hier keine entfernte Kulisse: Sie begrenzten bewohnbare Flächen und beeinflussten die Lage von Zugängen, Verbindungen und befestigten Abschnitten.
Eine Hauptstadt in solchem Gelände unterscheidet sich von einer regelmäßig abgesteckten Stadt auf freier Ebene. Ihre Grenzen folgen nicht allein einem abstrakten Plan. Enge Durchlässe und geschlossene Talräume können für Verteidigung genutzt werden, setzen einer Ausdehnung aber zugleich räumliche Grenzen. Die bauliche Organisation muss deshalb als Antwort auf ein vorhandenes Relief verstanden werden. Natürliche Hindernisse und künstliche Befestigungen erfüllen dabei ergänzende Aufgaben.
In der weiteren historischen Landschaft liegen zusätzliche Heiligtümer, Höhlen und Grabanlagen. Nicht alles befand sich innerhalb derselben Palastumgrenzung. Die Bezeichnung Hoa Lu kann daher sowohl einen engeren Hauptstadtbereich als auch einen größeren Zusammenhang von Erinnerungsorten meinen. Für die Orientierung ist diese Unterscheidung entscheidend: Zwei nahe beieinanderliegende Königstempel vermitteln nur einen Ausschnitt aus einem räumlich viel ausgedehnteren historischen Gefüge. Die umliegenden Berge helfen, dessen Gliederung auch heute noch zu erkennen.
Thanh Den: neue Befunde zur Konstruktion der Wälle
Wie die künstlichen Befestigungen aufgebaut waren, zeigen Untersuchungen am Wallabschnitt Thanh Den bei Chi Phong. Ein 2025 auf der Website des Nationalen Geschichtsmuseums veröffentlichter Bericht beschreibt Ausgrabungen an der nördlichen Begrenzung der inneren Stadt. Die Wallzüge verbinden natürliche Kalkberge miteinander. Gerade an solchen Zwischenräumen wird sichtbar, wie Landschaft und Bautechnik zu einer zusammenhängenden Verteidigungslinie kombiniert wurden.
Die Forschenden unterschieden Fundament, Wallkörper und verstärkende Schichten. Diese Gliederung ist wesentlich: Ein Erdwall besteht nicht notwendigerweise aus einer einzigen ungeordneten Aufschüttung. Unterschiedliche Bereiche können dem Tragen, Stabilisieren und Formen der Anlage dienen. Die Ausgrabung öffnet einen Schnitt durch diese Konstruktion und macht damit Vorgänge sichtbar, die von der heutigen Oberfläche aus kaum zu erkennen sind.
Zu den beschriebenen Funden gehören beschriftete Ziegelfragmente und Keramik verschiedener Zeitstellungen. Einige Baumaterialien unterstützen die Einordnung der frühen Anlage in das 10. Jahrhundert; jüngere Funde weisen auf weitere Nutzung hin. Der Bericht bezeichnet die Ergebnisse ausdrücklich als vorläufig. Für eine historische Interpretation müssen Bauzusammenhang, Fundlage und spätere Veränderungen gemeinsam ausgewertet werden. Die Entdeckung eines einzelnen alten Ziegels allein würde weder jeden Abschnitt des Walls datieren noch eine unveränderte Nutzung über sämtliche Jahrhunderte belegen.
Beschriftete Ziegel und die Spuren der Palastzone
Bereits eine Ausgrabungskampagne von 2009 und 2010 erschloss nördlich des Le-Tempels im Bereich Dong Cay Khe wichtige Baureste. Das damalige Vietnamesische Geschichtsmuseum berichtete von einer Ziegelmauer sowie Materialien zur Konstruktion und architektonischen Ausstattung aus der Dinh- und Le-Zeit. Unter den Ziegeln befanden sich Exemplare mit der Zeichenfolge Dai Viet Quoc Quan Thanh Chuyen, die mit dem Bau von Befestigungen verbunden wird.
Beschriftete Baumaterialien sind besonders aufschlussreich, weil sie materielle Form und schriftliche Information verbinden. Maße, Herstellungsspuren und Einbaulage können etwas über die Bauweise aussagen; eine Inschrift eröffnet zusätzliche historische Vergleichsmöglichkeiten. Trotzdem erklärt ein einzelnes Fundstück nicht automatisch die Funktion eines gesamten Gebäudes. Erst die Verbindung mit Mauerverlauf, Schichtenfolge und weiteren Funden erlaubt eine belastbare räumliche Deutung.
Solche Befunde ergänzen die sichtbaren Tempel auf eine andere Weise als eine nachgebaute Palastfassade. Sie zeigen tatsächliche Spuren im Boden, auch wenn diese weniger eindrucksvoll wirken als ein großes Tor. Die archäologische Perspektive richtet die Aufmerksamkeit auf Zusammenhänge, die leicht übersehen werden: wiederverwendete Bauteile, unterschiedliche Bodenniveaus oder Materialwechsel innerhalb eines Bauabschnitts. Hoa Lus Vergangenheit liegt daher nicht ausschließlich in den heutigen Heiligtümern, sondern ebenso in den untersuchten Flächen um sie herum.
Der Dinh-Tempel: Herrschergedenken in späterer Architektur
Der Tempel für Dinh Tien Hoang gehört zu den zentralen sichtbaren Monumenten der ehemaligen Hauptstadt. Tore, Höfe und Hallen führen schrittweise zum inneren Kultbereich. Die regionale Beschreibung nennt neben dem Herrscher auch seine Söhne sowie bedeutende Angehörige des Hofes als Gegenstände der Verehrung. Das Ensemble erinnert damit nicht nur an eine einzelne Person, sondern an ein dynastisches und politisches Umfeld.
Zu den auffälligen Steinobjekten zählt ein sogenanntes Drachenbett, Long Sang. Die Bezeichnung darf nicht ohne Weiteres als Hinweis auf ein erhaltenes persönliches Möbel des Herrschers verstanden werden. Innerhalb eines Gedenktempels tragen solche Objekte auch symbolische und repräsentative Bedeutung. Ihre plastische Bearbeitung lenkt den Blick auf Reliefs und Tiermotive, während die gesamte Anordnung dem Kult und der Würdigung des Herrschers dient.
In der Nähe liegt der Ma-Yen-Berg mit der zu Dinh Tien Hoang gehörenden Grabanlage. Tempel und Grab erfüllen unterschiedliche Funktionen, gehören jedoch zur gleichen Erinnerungslandschaft. Die erhöhte Lage des Grabes setzt einen anderen räumlichen Akzent als die Abfolge ebener Höfe im Tempel. So wird Herrschergedenken nicht nur in einzelnen Bildern ausgedrückt, sondern auch durch Wege, Schwellen und die Verteilung der Monumente zwischen Talboden und Berg gestaltet.
Der Le-Tempel und die Bildsprache der Holzschnitzerei
Der Le-Dai-Hanh-Tempel ist Le Hoan gewidmet, der 980 die Herrschaft der Frühen Le begründete. Die Denkmalverwaltung datiert den Tempelbau in das 17. Jahrhundert und beschreibt eine mit dem Dinh-Tempel verwandte Architektur. Damit liegen zwischen der verehrten Person und der erhaltenen Baugestalt mehrere Jahrhunderte. Diese zeitliche Distanz gehört zur Geschichte des Ortes: Spätere Generationen schufen eine Form, in der sie frühere Herrschaft erinnerten.
Besonders hervorgehoben werden die Holzschnitzereien im Vorbereich. Lotus, Chrysanthemen und stilisierte Drachen bilden wichtige Motive. Sie lassen sich nicht auf reine Flächenfüllung reduzieren. Pflanzen und Tiere gehören zur kulturellen Bildsprache, durch die ein Bau ausgezeichnet und mit Bedeutungen versehen wird. Gleichzeitig zeigen die Reliefs handwerkliche Entscheidungen: welche Teile hervortreten, wo Zwischenräume entstehen und wie sich Ornamente in das tragende Gefüge einfügen.
Die Verwaltung verbindet einzelne Motive auch mit Überlieferungen über Le Hoans Herkunft. Solche Deutungen sind als Teil der lokalen Erinnerung zu lesen, nicht als unabhängiger Beweis für jedes erzählte Ereignis. Für die Betrachtung lohnt es sich, Material, Motiv und Erzählung getrennt wahrzunehmen. Der Tempel dokumentiert sowohl die Verehrung eines frühen Herrschers als auch die künstlerischen Vorstellungen jener Epoche, in der seine sichtbare Architektur gestaltet wurde.
Jenseits des Hofes: Siedlungen, Landwirtschaft und Wasser
Eine Hauptstadt benötigt mehr als Paläste und Befestigungen. Menschen müssen wohnen, Nahrung erzeugen, Materialien bereitstellen und Wasser nutzen. Das Forschungsprojekt IRAW@HOA LU an der Trent University richtet seinen Blick deshalb auf die Siedlungszonen außerhalb der inneren Hauptstadt. Untersucht werden Beziehungen zwischen Wohngebieten, Landwirtschaft und Wasserwirtschaft. Diese Fragestellung erweitert ein Geschichtsbild, das sich vor allem an Herrschern und repräsentativen Gebäuden orientiert.
Die Projektbeschreibung nennt die Suche nach Wohnflächen, Hausplätzen, Küchenbereichen und weiteren Spuren alltäglicher Nutzung. Hinzu kommen Untersuchungen möglicher Kanäle, Speicher und älterer Feldsysteme. Dabei handelt es sich um Forschungsziele und Untersuchungsgegenstände, nicht um die Behauptung, dass sämtliche genannten Einrichtungen bereits vollständig ausgegraben seien. Gerade bei laufender Forschung müssen Fragestellung und gesichertes Ergebnis auseinandergehalten werden.
Für das Verständnis Hoa Lus ist dieser Ansatz dennoch grundlegend. Der befestigte Kern konnte nur im Austausch mit einem versorgenden Umfeld bestehen. Eine Stadtgrenze markiert daher nicht automatisch das Ende städtischer Zusammenhänge. Felder, Wasserwege und verstreute Wohnplätze können Teil desselben wirtschaftlichen Systems gewesen sein. Die Untersuchung solcher Beziehungen verbindet die Monumente im Zentrum mit den weniger auffälligen Landschaftsräumen ringsum und macht aus der Geschichte eines Hofes die umfassendere Geschichte einer bewohnten Region.
Das Hoa-Lu-Fest als lebendige Erinnerung
Die Bedeutung Hoa Lus endet nicht bei erhaltenen Bauteilen und Bodenfunden. Das Hoa-Lu-Fest verbindet die Tempel mit wiederkehrenden Ritualen und öffentlichem Gedenken. Für 2026 kündigte die Provinz die Hauptveranstaltungen vom 25. bis 27. April an, entsprechend dem neunten bis elften Tag des dritten Mondmonats. Diese Daten beschreiben eine konkrete Ausgabe des Festes und dürfen nicht unverändert als Termin für kommende Jahre übernommen werden.
Zum angekündigten Zeremonialprogramm gehörten unter anderem Wasserprozession, rituelle Reinigung, Weihrauchgaben und weitere Opferhandlungen an den Dinh- und Le-Tempeln. Daneben standen Aufführungen, traditionelle Spiele und Ausstellungen. Religiöse, gesellschaftliche und kulturelle Funktionen treffen somit aufeinander. Das Fest schafft einen zeitweiligen Zusammenhang zwischen den Monumenten, den beteiligten Gemeinschaften und der öffentlichen Darstellung von Geschichte.
Ein Tempel wirkt während einer solchen Nutzung anders als in einem stillen Besichtigungsmoment. Wege werden zu Prozessionswegen, Höfe zu Versammlungsräumen und Bildwerke zu Mittelpunkten ritueller Handlungen. Diese wechselnde Nutzung gehört zum Verständnis des Denkmals. Sie zeigt, dass historische Bedeutung nicht ausschließlich im Alter eines Materials liegt. Auch wiederholte Handlungen, überlieferte Rollen und gemeinsam erinnerte Ereignisse erhalten die Verbindung zwischen der ehemaligen Hauptstadt und den Menschen, die ihr heute Bedeutung geben.
Restaurierung, Forschung und der Zusammenhang mit Trang An
Hoa Lu ist Teil des Welterbegebiets Trang An. Ein von Vietnam 2015 bei der UNESCO eingereichter Bericht dokumentiert neben Forschungsaufgaben auch Maßnahmen zur Erhaltung der historischen Monumente. Genannt werden unter anderem Restaurierungsarbeiten an den Dinh- und Le-Tempeln sowie an weiteren religiösen Bauten. Solche Maßnahmen sind Teil der jüngeren Denkmalgeschichte und müssen bei der Betrachtung des heutigen Zustands mitgedacht werden.
Restaurierung und historische Rekonstruktion sind dabei nicht gleichbedeutend. Erhaltung kann vorhandene Substanz sichern, während ergänzende Arbeiten verlorene oder geschädigte Teile betreffen. Welche Eingriffe an einem konkreten Bauteil erfolgten, lässt sich nur aus der zugehörigen Dokumentation bestimmen. Ein gepflegtes Dach beweist deshalb weder einen vollständig modernen Neubau noch eine unveränderte Überlieferung aus dem Mittelalter. Der sichtbare Zustand allein beantwortet diese Frage nicht.
Die besondere Qualität Hoa Lus liegt in der Verbindung verschiedener Zeugnisse. Die Karstberge erklären einen Teil der Standortwahl; Wall- und Ziegelfunde erschließen die frühe Hauptstadt; Tempel und Feste zeigen ihre spätere Erinnerung. Diese Ebenen ergänzen sich, ohne austauschbar zu sein. Im Zusammenhang mit Trang An wird Hoa Lu dadurch als historische Kulturlandschaft verständlich: politische Organisation, bauliche Eingriffe und natürliche Geländeformen haben hier gemeinsam einen Ort geprägt, dessen Erforschung weiterhin neue Fragen eröffnet.
Redaktioneller Stand: 29. Oktober 2026.